Kommentar
Aktuelle Ernährungsmedizin 2011; 36: 167–168
Autoren: L. Schwingshackl, G. Hoffmann
Institut Institut für Ernährungswissenschaften und Physiologie, Department für Medizinische Wissenschaften und Management, UMIT-Universität für Gesundheitswissenschaften und medizinische Informatik und Technik, Hall i. T., Österreich
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt in den Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr einen Richtwert von >50en% für die Kohlenhydratzufuhr bzw. 30en% für die Fettzufuhr an. Diese Empfehlungen sind in den DACH-Referenzwerten für Deutschland, Österreich und die Schweiz veröffentlicht [1]. Auf internationaler Ebene finden sich z. T. abweichende Ratschläge, beispielsweise von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Die EFSA empfiehlt, weniger als 35% der täglichen Energiezufuhr (en %) aus Fett zu beziehen [2]. In den USA wurde im Jahr 2000 von der amerikanischen Herzgesellschaft (American Heart Association, AHA) eine fettreduzierte Ernährung (<30en% Fett) als Bestandteil eines auf Prävention von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgerichteten Lebensstils angegeben [3, 4]. Im Jahr 2006 überarbeitete die AHA jedoch diese Kriterien und hob u. a. den Maximalwert für die wünschenswerte Fettzufuhr auf 35en% an [5]. Zwei weitere Jahre später entschieden sich auch die American Dietetic Association sowie die Vereinigung der Dietitians of Canada, in einem gemeinsamen Statement die Grenze für die Höchstzufuhr auf 35en% anzuheben [6]. Im Hinblick auf die primär- und sekundärpräventive Wirksamkeit einer Diät mit kontrolliertem Fettgehalt existieren einige Befunde. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2000 von Astrup et al. [7] unterstützt eher die DACH-Empfehlungen, da im Ergebnis eine fettreduzierte Ernährungsweise mit Vorteilen im Hinblick auf eine Reduktion des Körpergewichts verbunden war. Die Daten sprechen sogar dafür, dass eine Fettrestriktion ohne gleichzeitige Kalorienrestriktion das Körpergewicht bei Adipösen signifikant senkt [7]. Im Unterschied dazu kommt ein systematischer Review der Cochrane Collaboration (aktuelles Update aus 2008) zu dem Schluss, dass eine fettreduzierte Ernährung keine signifikanten Vorteile im Vergleich zu einer kalorienreduzierten Diät mit sich bringt [8]. Eine Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Studien (RCT) mit einer maximalen Dauer von 12 Monaten konnte ebenfalls keine eindeutige Überlegenheit einer fettreduzierten gegenüber einer kohlenhydratarmen Ernährungsweise aufzeigen, z. B. waren keine Unterschiede im Gewichtsverlust nach 12 Monaten feststellbar. Kohlenhydratreduzierte Kostformen wie die Atkins-Diät erbrachten sogar signifikante Verbesserungen in Bezug auf Surrogatmarker wie HDL-Cholesterin und Triglyzeride im Vergleich zu fettarmen Diätvarianten [9]. Daten aus der Womenʼs Health Initiative Dietary Modification Trial zeigten keine signifikanten Verbesserungen beim Körpergewicht und bei kardiovaskulären Risikomarkern beim Vergleich zwischen Teilnehmerinnen mit fettreduzierter Diät und einer Kontrollgruppe mit eine Fettanteil von durchschnittlich 38,1en% in der täglichen Kost [10, 11]. Einer Aussage des Ernährungsepidemiologen Walter Willett zufolge spielt die Höhe der täglichen Fettzufuhr in einem Bereich von 18–40en% keine Rolle bei der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas [12]. Die ideale Makronährstoffverteilung ist also nach wie vor umstritten. Es gibt zumindest ausreichend Evidenz dafür, die entsprechenden Empfehlungen aus den DACH-Referenzwerten zu überdenken im Sinne einer Angleichung an die Vorgaben internationaler Fachverbände wie der AHA oder der EFSA.
Volltext unter: https://www.thieme-connect.de/ejournals/abstract/akternmed/doi/10.1055/s-0030-1266119
Literatur
1 D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008)
2 European Food Safety Authority (EFSA). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for fats, including saturated fatty acids, polyunsaturated fatty acids, monounsaturated fatty acids, trans fatty acids, and cholesterol. EFSA Journal 2010; 8: 1461
3 Deckelbaum RJ, Fisher EA,WinstonM et al. Summary of a scientific conference on preventive nutrition: pediatrics to geriatrics. Circulation 1999; 100: 450–456
4 Krauss RM, Eckel RH, Howard B et al. AHA Dietary Guidelines: revision 2000: A statement for healthcare professionals from the Nutrition Committee of the American Heart Association. Circulation 2000; 102: 2284–2299
5 Lichtenstein AH, Appel LJ, Brands M et al. Diet and lifestyle recommendations revision 2006: a scientific statement from the American Heart Association Nutrition Committee. Circulation 2006; 114: 82–96
6 Position of the American Dietetic Association and the Dietitian of Canada: Dietary Fatty Acids. J Am Diet Assoc 2007; 107: 1599–1611
7 Astrup A, Grunwald GK, Melanson EL et al. The role of low-fat diets in body weight control: a meta-analysis of ad libitum dietary intervention studies. Int J Obes Relat Metab Disord 2000; 24: 1545–1552
8 Summerbell CD, Cameron C, Glasziou PP. WITHDRAWN: Advice on lowfat diets for obesity. Cochrane Database Syst Rev 2008; 16: CD003640
9 Hession M, Rolland C, Kulkarni U et al. Systematic reviewof randomized controlled trials of low-carbohydrate vs. low-fat / low-calorie diets in the management of obesity and its comorbidities. Obes Rev 2009; 10: 36–50 selection Bias: doppelte Verwendung von Studiendaten
10 Howard BV, Manson JE, Stefanick ML et al. Low-fat dietary pattern and weight change over 7 years: the Women’s Health Initiative Dietary Modification Trial. JAMA 2006; 295: 39–49
11 Howard BV, Curb JD, Eaton CB et al. Low-fat dietary pattern and lipoprotein risk factors: the Women’s Health Initiative Dietary Modification Trial. Am J Clin Nutr 2010; 91: 860–874
12 Willett WC. Dietary fat plays a major role in obesity: no. Obes Rev 2002; 3: 59–68
Lukas Schwingshackl, B.Sc
Harrasserstraße 7b
39031 Bruneck / BZ, Italy
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